Auf leisen Schwingen

Was wir von Zugvögeln lernen können

Bonn - Der Weg der Zugvögel ist nicht leicht. Und doch folgen sie unbeirrt ihrer Bestimmung und fliegen an einen Ort, an dem es sich leichter leben lässt. Auch Menschen spüren diese Sehnsucht: So können die Geschöpfe der Luft Vorbild und Inspirationsquelle sein.

Veröffentlicht am 21.02.2022 – Spiritea

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 Woran merkt man, dass der Frühling naht? Wenn die Schneeglöckchen in voller Blüte sind, selbstbewusste Krokusse bereits ihre Knospen öffnen und auch die Osterglocken schon in Lauerstellung sind? Wenn die Tage wieder länger werden und erste warme Sonnenstrahlen zum Cappuccino ins Straßencafe locken? - Nein, die sichersten Frühlingsboten kommen auf leisen Schwingen.

Eines Tages ist es plötzlich da, dieses merkwürdige, leise Geräusch schlagender Flügel und die trompetenähnlichen Schreie hoch über den Köpfen. Ein Blick nach oben, dann sind sie zu sehen: die Kraniche aus dem Süden.

"Papa, guck mal", ruft der Filius aufgeregt; Radfahrer - eben noch gedankenverloren - bremsen plötzlich, Spaziergänger recken die Hälse gen Himmel, manch einer zückt sein Smartphone für den Schnappschuss: Wie die Perlen einer Kette aufgereiht, überfliegt da eine Kranichformation nach der anderen die Köpfe der Umstehenden - allen voran ein Leitvogel, dem der ganze Schwarm aus Nordafrika kommend wie ein großes V folgt. V wie victory - der gefühlte Sieg des Frühlings über den Winter.

Jährlich machen sich geschätzt 50 Milliarden Zugvögel auf den Weg.

Immer auf der Suche nach den besten Nahrungs- und Lebensbedingungen machen sich im Frühjahr und Herbst weltweit geschätzt 50 Milliarden Zugvögel auf die oft viele tausend Kilometer weiter Reise. Allein über Deutschland fliegen nach Angaben des Bundesumweltministeriums rund 500 Millionen Tiere. Im Frühling kommen Kraniche, Wildgänse und andere Vögel aus wärmeren Gefilden in Afrika oder dem Mittelmeerraum zurück, um den Sommer in Mittel- und Nordeuropa zu verbringen. Das Zugverhalten ist in ihren Genen programmiert.

So automatisch die Tiere dem inneren Ruf zu folgen scheinen - ein Zuckerschlecken ist die Reise keineswegs. Gegenwind, Starkregen, die Futterengpässe durch landwirtschaftlich versiegelte Flächen sind noch die harmloseren Herausforderungen. In Mittelmeerländern wie Ägypten, Malta, Zypern und Italien werden manche Vogelarten in großer Zahl illegal gefangen und als Delikatesse verspeist oder nur zum eigenen Jagdvergnügen abgeschossen, wie der Naturschutzbund (NABU) beobachtet. Dennoch wagen sie immer wieder den Aufbruch in andere Gefilde.

Zugvögel als Vorbild und Inspirationsquelle

Unbeirrt ihrer Bestimmung zu folgen, allen Widrigkeiten zum Trotz - für viele Menschen sind Zugvögel Vorbild und Inspirationsquelle. Andrea Schwarz, Autorin spiritueller Bücher, haben die Wildgänse zu einem Buch inspiriert, in dem sie deren Botschaft ergründet. Für Schwarz laden sie dazu ein, sich der eigenen Sehnsucht bewusst zu werden - und sich mit dem Alltag und dem Hamsterrad nicht zufriedenzugeben", wie sie in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärte.

Die Tiere seien eine Ermutigung, der eigenen Sehnsucht nachzuspüren und zu schauen, wie man dieser im persönlichen Alltag folgen kann. Eine Richtschnur sei dabei, zu prüfen, was wirklich wichtig und hilfreich sei "und mich lebendiger macht". Zugvögel ziehe es dorthin, wo für sie das beste Leben möglich sei. Dabei seien sie flexibel und nicht auf einen Ort festgelegt - ein mutmachender Fingerzeig.

Franz von Assisi bei der Vogelpredigt
Bild: ©KNA

Eine der bekanntesten Legenden über Franz von Assisi ist die Vogelpredigt.

Ein Aufbruch in neue Gefilde

Ähnlich wie bei den Vögeln gibt es Menschen, die einfach losziehen müssen, die es nicht mehr aushalten - in ihrem gewohnten Leben, an ihrem angestammten Platz. Alles stehen und liegen lassen, der Aufbruch in neue Gefilde, die Sehnsucht nach einem anderen Leben, wo es sich nicht nur überleben, sondern auch besser leben lässt - all das scheinen Zugvögel in Menschen anzusprechen. Erst recht, wenn die Tage länger werden und die Natur zu neuem Leben erwacht.

Deshalb lässt dieses Naturschauspiel wohl kaum jemanden kalt. Die Kraniche sind die ersten Boten dieser neuen Zeit, Frühjahrsmüdigkeit kennen sie nicht. Unbeirrbar treibt sie ihr Instinkt Tag für Tag 600 Kilometer weiter Richtung Norden. Sie lassen den Betrachter mit einem seltsamen Gefühl von innerer Heiterkeit und Gänsehaut zurück. Der Zug der Kraniche scheint die Welt zu verzaubern. Unbekannte fühlen sich spontan miteinander verbunden, lächeln sich vielsagend an. Alles ist in Ordnung: Die Kraniche sind wieder da - es wird Frühling.

von Angelika Prauß (KNA)