Der Januar ist kein Montag: Seien wir barmherziger mit uns selbst
Grafschaft - Ist die Silvesternacht erst einmal um, kommt Ernüchterung auf, schreibt Schwester Gabriela Zinkl: Es ist kalt und dunkel. Hinzu üben Neujahrsvorsätze Druck aus. Doch es gibt einen anderen Weg – das zeigt uns schon die Bibel.
Veröffentlicht am 05.01.2026 –HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Der Januar hat ein Imageproblem. Kaum ist das Feuerwerk der Silvesternacht verraucht und das letzte Sektglas leergetrunken, verkriechen sich die meisten erst einmal im Bett und ziehen schnell die Decke über den Kopf. Im Gegensatz zum mitternächtlichen Jahreswechsel fristet der erste Tag des neuen Jahres oder vielmehr seine Morgendämmerung ein eher stiefmütterliches Dasein: Augen zu und durch. Der silberglitzernden Euphorie des Vorabends folgt eine leicht vernebelte Ernüchterung: viel zu laut, zu düster und zu schnell kommt das neue Jahr daher.
Noch dazu schlägt mein Kalender online wie auf dem Papier ein neues Kapitel für mich auf und nimmt mich unbarmherzig mit auf die Reise in ein neues Jahr – egal, ob ich dafür bereit bin oder nicht. Dem nicht genug, tummeln sich rund um die Silvesternacht und in den ersten Stunden des Jahres viel beschworene Geister und Stimmen in meinem Kopf und rufen mir zu: "Auf geht's", "Leg‘ los" oder "Jetzt ist deine Chance, greif zu!". Anscheinend haben alle um mich herum diese Paranoia? Die lieben Neujahrsvorsätze, alle Jahre wieder ereilen sie uns mehr oder weniger heftig: ich will pünktlicher sein, aufgeräumter, spiritueller, sportlicher und ausgeglichener – am besten alles miteinander und bitte sofort. Schön wär's!
Ein Bewerbungsgespräch bei Gott?
Jedes Jahr wieder tun wir dem Januar und seinen ersten Stunden mit diesem Gehabe unrecht, als wäre es ein verschlafener Montagmorgen. Es muss wohl irgendwie mit der einzigartigen Zahlenkombination 01.01. zu tun haben, oder warum überziehen wir dieses Datum jedes Mal aufs Neue mit dem Alles-wird-neu-Hype? Markiert der 1. Januar einfach nur den deutlichen Kehraus der weihnachtlichen Glückseligkeit?
Tatsächlich beobachte ich jedes Jahr mit einer Mischung aus Heiterkeit und mildem Erschrecken, wie hart wir mit uns umgehen, kaum dass die Jahreszahl gewechselt hat. Als wäre das neue Jahr ein Bewerbungsgespräch bei Gott, bei unseren Liebsten oder sonst jemandem – und wir müssten mit guten Vorsätzen, sauberen Listen und erkennbarer Leistungsbereitschaft antreten. Wer zu Jahresbeginn keinen Plan hat, scheint schon verloren. Wer müde und untätig ist, erst recht. Dabei erzählt die christliche Tradition etwas ganz anderes.
Ist das neue Jahr angebrochen, kommt Aufbrichsstimmung auf.
Tag für Tag, von frühmorgens bis abends, immer wieder Lesungen und Texte aus der Bibel zu hören, lässt einen mit der Zeit gelassen werden, so geht es zumindest mir als Ordensschwester. Denn wenn man genau hinhört – man kann sich dem langfristig gar nicht entziehen –, kommt etwas sehr Befreiendes zum Vorschein:
In der Bibel beginnt kaum etwas mit Druck. Gottes große Neuanfänge kommen leise, fast unscheinbar. Die Schöpfung entfaltet sich Schritt für Schritt, Tag für Tag, nicht als schneller Sprint. Und es ist nicht zu übersehen: da sind Ruhepausen, ein Innehalten und Zurückschauen: "Und Gott sah, dass es gut war" (Gen 1).
Abraham wird nicht jünger, sondern älter, als seine Geschichte mit Gott Fahrt aufnimmt. Mose stottert zu Beginn erst einmal. Petrus, bis heute tragende Säule unserer Kirche, scheitert kläglich, noch dazu öffentlich. Und selbst die Auferstehung Jesu beginnt nicht mit tönendem Applaus, sondern mit Verwirrung am frühen Morgen.
Gott ist ein Freund der Geduld
Und Jesus selbst? Sein Leben lang hat er uns genau darüber gepredigt, vom Neuanfang nach dem Scheitern, von der Hoffnung für Hoffnungslose und alle, die längst aufgegeben haben: Jesus erzählt von verlorenen Schafen und überforderten Arbeitern im Weinberg, von Kamelen und Nadelöhren und übereifrigen Jüngern. Er isst, trinkt und nimmt sich Zeit, anderen zuzuhören, noch mehr: er ruft nicht wenige Menschen aus ihrem unfertigen Leben heraus. Er sagt zu ihnen nicht: "Werde erst perfekter, dann folge mir", sondern er sagt einfach: "Komm."
Der Gott der Bibel, unser Gott, ist auffallend wenig interessiert an Selbstoptimierung, Projektplanung und steilen Erfolgskurven. Er scheint eher ein Freund der Geduld zu sein. "Meine Gnade genügt dir", lässt er Paulus ausrichten (2 Kor 12,9), und eben nicht so etwas wie: "Reiß dich mehr zusammen."
Der Blick in die Texte der Heiligen Schrift zeigt uns also die erste spirituelle Lektion des Januars: Gott fängt nicht neu an, er geht weiter mit, auch über die Jahresgrenze hinweg. Bei einer so großen Portion an Vorschusslorbeeren für uns kann es ja nur gut werden!
Die Autorin
Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.