Eine kleine Schule des gemeinsamen Gehens

Im Gleichschritt: Es lohnt sich, auch mal langsamer zu machen

Grafschaft - Hören wir das Wort "Gleichschritt", denken wir an die Bundeswehr. Doch tun wir etwas im Einklang, entsteht ein Zusammenklingen, kein Einheitsbrei. Das wurde Schwester Gabriela Zinkl zuletzt schlagartig klar, als sie einer älteren Mitschwester half.

Veröffentlicht am 19.01.2026 – 

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Es war ein frostiger Winterabend mit ein wenig frischem Schnee, jener Art von Glätte, die für Fußgänger äußerst tückisch ist. Auf dem Rückweg von der Hl. Messe ging ich neben einer älteren Mitschwester. Um Halt gegen die Unsicherheit des glatten Untergrunds zu finden, hakte sie sich fest an meinem Arm ein. Wir waren noch keinen Meter gegangen, da hielt sie kurz inne und sagte etwas, das mich bis heute stark bewegt: "Schwester, Sie müssen mit mir im Gleichschritt gehen. Nur so halten wir uns gegenseitig."

In diesem Moment wurde mir schlagartig klar: Mein natürliches, zügiges Tempo – das ich oft so unreflektiert als "normal" voraussetze – war für sie in diesem Augenblick eine Gefahr. Um sie wirklich zu stützen, musste ich ihr nicht nur meine Kraft anbieten, sondern meinen eigenen Rhythmus aufgeben. Es war eine Lektion in praktischer Ekklesiologie auf spiegelglattem Asphalt.

Wie bei der Bundeswehr?

Wenn wir das Wort "Gleichschritt" hören, denken wir oft zuerst an die Bundeswehr und den harten Takt einer Parade: links, zwo, drei, vier ... Dort ist Gleichschritt ein Zeichen von Unterordnung und uniformer Stärke; ein kollektives Funktionieren, das das Individuum unsichtbar macht. Doch der Gleichschritt des Mitgefühls, von dem meine Mitschwester sprach, ist das genaue Gegenteil. Er ist kein militärisches Kommando, sondern eine zutiefst menschliche Antwort auf die Bedürftigkeit des anderen. Er beruht nicht auf Befehlsgehorsam, sondern auf der Freiheit, das eigene Tempo zu verschenken und sich aus Liebe zu drosseln. Wer im Pflegebereich, in sozialen Berufen oder mit Kindern arbeitet, weiß: Sich auf den Takt des anderen einzulassen, ist die erste und wichtigste Lektion.

Ehrlich gesagt: Es fällt mir oft schwer, einen Gang runterzuschalten, denn ich bin von eher der Typ "schnelle Gazelle". Das Sich-Anpassen erfordert eine Form von Askese. Wenn ich meine eigene Dynamik aktiv bremsen muss, fühlt sich das im ersten Moment vielleicht wie ein Verlust an, wie eine Behinderung des eigenen Vorwärtskommens. Unsere Welt ist getaktet von Effizienz und Hochfrequenz; "Zeit ist Geld", sagen wir – und vergessen dabei oft, dass Zeit eigentlich Gnade ist.

Auch vor Klostermauern macht dieser Geist nicht unbedingt halt. Die "To-do-Listen" der vielen ach so wichtigen Aufgaben fordern auch im Kloster ihren Tribut. Und man ertappt sich bei dem Gedanken: "Ich habe keine Zeit, weil ich noch so viel erledigen muss." Gleichschritt und genauso Gleichklang im Sinn von Harmonie sind bewusster Verzicht auf diese eigene Dominanz.

Bild: ©stock.adobe.com/JeanLuc (Symbolbild)

Die Schnelllebigkeit macht auch vor dem Kloster keinen Halt.

Im Kloster üben wir diesen Gleichklang jeden Tag im Chorgebet. Wenn wir beim Stundengebet in unserer Hauskapelle gemeinsam die Psalmen beten, geht es nicht darum, wer die kräftigste Stimme hat oder wer am schnellsten am Ende des Verses ankommt. Die Schönheit des gemeinsamen Rezitierens und Singens entsteht im Miteinander-Atmen. Wer zu schnell voranschreitet, zerstört den Klangraum des anderen; wer zu langsam ist, bremst den Fluss.

Es ist ein akustisches Bild für das, was der heilige Paulus meint: "Einer trage des anderen Last" (Gal 6,2).

Das ist nicht immer leicht. Auch als Ordensschwester hat man gute und schlechte Tage, eine laute oder eine leise Stimme, ist mal ganz bei der Sache, dann wieder unkonzentriert. Am Ende zählt die Harmonie – kein schnöder Einheitsbrei, sondern ein stimmungsvolles Zusammenklingen, das durch ständiges Aufeinander-Hören wächst. Das ist es, was wir jeden Tag im Chorgebet üben.

Jesus: Der Gott, der sich einhakt

Doch Hand aufs Herz: Ist dieses "Sich-Einbremsen" im Alltag überhaupt leistbar? Ist Langsamkeit in einer Welt, die auf Höchstleistung getrimmt ist, nicht purer Luxus oder gar Arbeitsverweigerung?

Ich glaube: Im Gegenteil. In einer Leistungsgesellschaft ist die bewusste Langsamkeit, das Sich-Einlassen auf den anderen ein Akt des christlichen Widerstands. Wir sind Menschen und wir leben mit unseren Mitmenschen. Wir sind keine Maschinen, die auf Knopfdruck funktionieren. Echtes Miteinander zeigt sich dort, wo die Starken die Langsamkeit der Schwachen als ihren eigenen Rhythmus annehmen.

Genau das hat Jesus uns radikal vorgelebt. Gott wurde Mensch, einer von uns, mit unserem Tempo, unserer Langsamkeit und Sterblichkeit. Er hätte die Welt mit einem Fingerschnippen erlösen können, doch er wählte den mühsamen Weg zu Fuß. Jesus hetzte nicht. Er hatte Zeit für das Gespräch am Brunnen, Zeit für den Zöllner am Wegrand, Zeit für die Kinder. Er passte seinen göttlichen Schritt unserem menschlichen Trippeln an.

Jesus ist der Gott, der sich bei uns einhakt – so wie meine Mitschwester. Jesus nimmt unser hinkendes, stolperndes Tempo an und macht es zu seinem eigenen. Er begegnet uns selten im Vorbeirennen, sondern dort, wo wir bereit sind, stehen zu bleiben oder den Schritt des Nächsten zu unserem eigenen zu machen. Im Gleichklang des Herzens finden wir jenen Frieden, den die Eile uns niemals schenken kann.

von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.