Ein Plädoyer für das Heilige im Unfertigen
Grafschaft - "Alles wird gut": Gut gemeint ist der Satz immer, doch das Problem beseitigt er in dem Moment nicht, schreibt Schwester Gabriela Zinkl. Und: Es muss auch nicht alles immer vollendet sein.
Veröffentlicht am 02.02.2026 –HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Manchmal sagt mir jemand zum Abschied diesen einen Satz, der sich anfühlt wie ein Tätscheln auf die Schulter und nicht wirklich nützt: "Alles wird gut." Wenn mir das jemand zuruft, während ich gerade im Trümmerfeld meiner Pläne sehe oder mich mal wieder über meine eigenen Unzulänglichkeiten ärgere, möchte ich am liebsten antworten: "Schön für das 'Ende' – aber was mache ich jetzt mit dem Chaos hier und heute?"
Das Problem an diesem Satz ist nicht, dass er lügt. Das Problem ist seine glatte, fast schon sterile Oberfläche. Er klingt nach einem Hochglanz-Prospekt und strahlend-weißem Lächeln aus der Werbung, während man im echten Leben oft knietief im Schlamm der Baustelle steckt. Der Staub und Dreck des Unfertigen lässt sich nicht so einfach abschütteln oder wegduschen. Und doch hat es seinen Sinn und Stellenwert, das Provisorium, das Unvollendete, eben weil wir uns damit auseinandersetzen müssen und nicht so einfach daran vorbeikommen.
Es gibt in der Musikgeschichte ein Stück, das genau in diesem Zwiespalt spielt: Franz Schuberts Sinfonie in h-Moll, besser bekannt als "Die Unvollendete". Schubert (1797-1828), heute klassischer Vertreter der Komponisten der Romantik, hat sie nie zu Ende geschrieben. Es fehlen Sätze, das Werk bricht ab. Und doch ist diese Sinfonie eines der meistgespielten, tiefsten Stücke überhaupt.
Man stelle sich das einmal vor: In einer Welt, die auf Leistung und "Abschluss" getrimmt ist, wird ausgerechnet ein Bruchstück zum Meisterwerk; von Franz Schubert gibt es sogar mehrere Sinfonien dieser Art. Warum? Weil Schubert in den zwei Sätzen seiner h-Moll-Sinfonie alles gesagt hat, was gesagt werden musste. Die Schönheit liegt nicht darin, dass alles "abgehakt" ist, sondern in der Sehnsucht, die in den offenen Tönen mitschwingt, so beschreiben es heute die Musikkritiker.
Bruchstückhaft, unvollendet, provisorisch – und doch auf dem Weg zum Meisterwerk. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Aber genau davon erzählt uns die Bibel sehr viele Geschichten, genau darüber hat Jesus Tag und Nacht zu den Menschen gepredigt, von einem Gott, der sich der Menschen im Unfertigen annimmt und sie zur Vollendung führt.
Auch unsere Vorbilder aus der Bibel waren nicht perfekt.
Nicht von ungefähr scheint Gott eine Vorliebe für Menschen mit Macken zu haben, Wenn man in der Heiligen Schrift liest, sucht man tatsächlich fast vergeblich nach den "Fertigen". Es geht dort erstaunlich viel um Leute, die in Schwierigkeiten stecken, auf den falschen Weg abgebogen sind und irgendwie nicht weiterkommen. Da ist Abraham, der loszieht, ohne ein Ziel vor Augen oder im Navigationssystem zu haben. Da ist Mose, der Gott erst einmal eine Liste mit Gründen liefert, warum er der völlig Falsche für den Auftrag an ihn ist. Und da ist – mein persönlicher Favorit – Petrus, der Jesus die ultimative Treue verspricht, nur um kurz darauf krachend zu scheitern.
Keiner von ihnen war "bereit", keiner von ihnen hat es auf dem direkten, schnellen Weg zum "Erfolg" geschafft. Und genau das scheint Gottes Einstellungsvoraussetzung zu sein. Paulus bringt es im Philipperbrief so wunderbar auf den Punkt:
"Der in euch das gute Werk begonnen hat, wird es auch vollenden." (Phil 1,6)
In diesem Satz versteckt sich ein unscheinbares Wort des Anfangs: Gott hat begonnen. Er ist noch am Werk. Das nimmt mir den immensen Druck, mich selbst jetzt gleich, ja am besten heute noch, perfektionieren zu müssen. Ich muss keine spirituelle Hochleistungssportlerin werden, um Gottes Segen zu empfangen – mal abgesehen davon, dass man Ordensschwester zwar rein äußerlich danach aussieht, diesem Ideal aber noch lange nicht entspricht. Das Unfertige in mir, in jeder und jedem von uns, ist kein Makel, sondern der Raum, in dem Gott überhaupt erst atmen und anfangen kann. Wo schon alles dicht, fertig und versiegelt ist, da hat der Heilige Geist kaum eine Chance, mal ordentlich durchzulüften.
Vertrauen auf Gott
Tatsächlich haben wir ein wenig verlernt, Baustellen zu ehren. Wir wollen schnelle Lösungen und klare Antworten. Wir wollen, dass Probleme, Leid, Bruchstellen möglichst schnell vergehen und heil werden – auch in unseren Gebeten. Aber das Leben wächst nur im Unfertigen. Alles, was lebendig ist, verändert sich und wir müssen immer wieder neu lernen.
Der kleine Satz "Alles wird gut" ist kein naiver Optimismus. Auch wenn er mich aus dem Mund anderer manchmal nervt, muss ich doch zugeben: Der Satz ist ein heiliger Trotz gegen die Erfahrung von Bruch und Unsicherheit. Es ist das tiefe Vertrauen darauf, dass Gott noch lange nicht fertig ist mit uns – und wir zum Glück auch nicht mit ihm. Im Grunde ist er ein großes Stück Hoffnung und Vertrauen auf Gott: nämlich dass wir nicht alles alleine schaffen können und müssen, sondern dass Gott uns dabei hilft, selbst wenn wir noch so tief im Schlamm stecken. Gott sei Dank!
Die Autorin
Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.