Zum Beginn der Fastenzeit

Reduzieren – Zurück zum Wesentlichen

Grafschaft - Wir reduzieren: Damit sind nicht die Läden in der Stadt bei ihren Preisen gemacht, sondern die katholische Kirche. Die Fastenzeit beginnt. Schwester Gabriela Zinkl erklärt, warum wir mit der Reduzierung gewinnen.

Veröffentlicht am 16.02.2026 – 

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"Reduziert!" Das Wort begegnet uns meistens dort, wo etwas billiger wird. Auf rote Schilder oder Klebeetiketten gedruckt, lauert dieses Signalwort darauf, uns unbedingt ins Auge zu fallen; in Schaufenstern, an Eingangstüren zu Geschäften, auf Grabbeltischen und als Eyecatcher im Supermarkt. Dabei will jedes Reduziert-Schild nur unser Bestes, denn es verspricht uns, dass wir für weniger Geld mehr bekommen. Was für ein sagenhaftes Verspechen!

Ganz anders versteht man das "Reduziert" bei einem nicht-kommerziellen Anbieter wie der katholischen Kirche. Wenn wir dort – fast parallel zum üblichen Winterschlussverkauf – jedes Jahr am Aschermittwoch zur "Reduktion" eingeladen sind, geschieht dies ganz ohne große Signalschilder. Wenn die Kirche uns für die Fastenzeit oder vorösterliche Bußzeit zur "Reduktion" einlädt, meint sie keinen Preisnachlass. Und trotzdem meint sie es ziemlich gut mit uns, denn sie meint eine Heimkehr.

Für Gott sind wir wollkommen wie wir sind

Das lateinische Wort reducere ist eigentlich ein Wort für Wanderer, also für Leute wie du und ich, die unterwegs sind. Es bedeutet nicht einfach "verkleinern", sondern zurückführen, heimholen, wiederherstellen. Die Reduktion und das Reduzieren sind eine Bewegung des Herzens, die sich in der Hektik des Alltags, im Lärm der Ansprüche und in der Gier nach "immer mehr" verloren hat.

Zu Beginn der Fastenzeit empfangen wir das Aschenkreuz. Die Worte dazu – "Bedenke, Mensch, dass du Staub bist" – klingen für moderne Ohren oft hart, fast depressiv. Doch geistlich gesehen steckt darin eine tiefe Zärtlichkeit. Gott sagt uns damit: "Du musst nicht perfekt sein. Du musst nicht alles können. Du musst nicht unendlich sein." Wir sind Geschöpfe, nicht der Schöpfer. Wir sind bedürftig, nicht allmächtig. In einer Welt, die uns ständig abverlangt, uns selbst zu optimieren, ist diese christliche Reduktion eine Befreiung. Wir dürfen unsere Masken ablegen. Wir dürfen zugeben, dass wir aus dem Staub der Erde gemacht sind und doch von Gottes Atem belebt werden. Das ist keine Demütigung, sondern eine wunderbare Klarheit: Wir sind geliebte, begrenzte Wesen.

Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Die Fastenzeit: 40 Tage vor Ostern ordnen wir uns neu.

Wenn die Bibel von Reduktion erzählt, führt sie uns fast immer in die Wüste. Dort hat man immer mit Entbehrung, Durst und Einsamkeit zu tun. Doch Gott führt sein Volk nicht in die Wüste, um es zu strafen, sondern um ihm "zu Herzen zu reden" (Hos 2,16).

In der Fülle unseres Alltags überhören wir die leise Stimme unserer Seele oft und gern. Es gibt ja auch jede Menge anderer, wichtigerer Dinge um uns herum, Ablenkung, Sonderangebote, nicht zu vergessen die vielen Bilder und Worte den ganzen Tag. In der Wüste, im Weniger der Fastenzeit, haben wir die Chance, dass unser Herz wieder hörfähig wird. Jesus selbst suchte diese Stille vierzig Tage lang, nicht, um sich zu beweisen, wie stark er ist, sondern um sich ganz auf seine Quelle auszurichten: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." Fasten ist also keine Mutprobe des Verzichts, sondern die Rückkehr zu dem, was uns wirklich nährt.

Eine neue Ordnung des Herzens

Die alte Tradition von Fasten, Gebet und Almosen ist kein verstaubtes Pflichtprogramm. Es sind drei Schritte, um wieder "echter" zu werden, zurück zum Wesentlichen:

  • Fasten ist Reduktion des Äußeren. Es bedeutet, meine kleinen Abhängigkeiten zu spüren. Wo brauche ich den schnellen Genuss und die schnelle Befriedigung – wie etwa Schokolade, das Smartphone oder die Anerkennung anderer –, um mich wertvoll zu fühlen? Fasten macht uns ehrlich. Denn es legt das frei, was uns innerlich bindet, und schafft Platz für eine neue Freiheit.
  • Gebet ist Reduktion des Inneren und zugleich Atemholen für die Seele. Es bedeutet, für einen Moment mein eigenes Ego aus der Mitte zu rücken und Gott dort Platz zu nehmen lassen. Im Gebet ordnen sich meine wirren Gedanken; die Ängste verlieren ihre absolute Macht, weil ich sie in größere Hände legen darf.
  • Almosen ist die Reduktion meines Egos. Wenn ich etwas abgebe, an andere weitergebe, werde ich daran erinnert, dass ich nicht allein auf dieser Welt bin. Das Weniger bei mir wird zum Mehr an Liebe für den anderen.

Nicht leerer, sondern voller

Das Reduzieren in der Fastenzeit ist kein Selbstzweck. Es ist wie das Zurückschneiden eines Weinstocks, damit er im Frühling kräftiger austreiben kann. Ich darf Altes und Überflüssiges loslassen, damit Gott neues Leben in mir wachsen lassen kann. Deshalb ist diese Zeit alles andere als Phase des Mangels gedacht, sondern als eine Zeit der Heimkehr: zur Wahrheit über mich selbst, zur Anbindung oder Rückbindung an Gott, die mich nicht knechtet, sondern frei macht.

Am Ende dieser vierzig Tage steht nicht die Leere, sondern das Licht von Ostern. Wer sich zurückführen lässt, auf den wartet am Ende kein "Weniger" und keine Leere, sondern die Fülle Gottes.

von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.