Warum wir den Kreuzweg heute brauchen
Grafschaft - Wer betet heute noch den Kreuzweg? Dabei bieten die 14 Stationen des Leidenswegs Jesu eine gute Gelegenheit, auch über unser eigenes Leben nachzudenken, schreibt Schwester Gabriela Zinkl.
Veröffentlicht am 02.03.2026 –HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Vor Kurzem war ich zu Besuch in Oberammergau. Der Ort in den bayerischen Voralpen ist weltberühmt für seine Passionsspiele und seine "Herrgottsschnitzer", die seit Generationen Kruzifixe und Heiligenfiguren fertigen. Wenn man heute durch den Ort spaziert, erzählen die prächtig bemalten Hausfassaden und Schaufenster der Läden noch einiges von dieser Geschichte. Doch ein Blick hinter die Kulissen und in die einstigen Werkstätten offenbart eine traurige Wahrheit unserer Zeit.
"Stellen Sie sich vor, Schwester, eine Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald verkauft sich heute besser als ein Kruzifix", sagte mir ein Schnitzer kopfschüttelnd. Auch die Nachfrage nach Heiligenfiguren ist in den letzten Jahrzehnten massiv zurückgegangen, sie werden einfach nicht mehr gebraucht oder passen nicht zur Wohnungseinrichtung. Und wie sieht es aus mit einem kompletten Kreuzweg? – Den letzten habe er vor 30 Jahren verkauft, seitdem gibt es dafür wohl so gut wie keinen Bedarf mehr. Noch immer muss ich an diese Begegnung und die Worte des Ladeninhabers denken. Nicht nur, weil eine wunderbare Handwerkskunst vor dem Aussterben steht, sondern weil hier eine tiefe spirituelle Frage anklingt: Wer braucht heute noch Kruzifixe und Heiligenfiguren – aus Holz oder wie auch immer? Wer betet heute noch den Kreuzweg und meditiert das Thema der 14 Stationen des Leidenswegs Jesu? Wer braucht das denn noch?
Von Klein auf dem Dorf katholisch aufgewachsen sind mir die Rituale der Kirche zur Heimat geworden. Als Ministrantin habe ich unzählige Male bei Hl. Messen, Maiandachten und Kreuzwegen ministriert und fleißig mit- und vorgebetet. Und wenn ich heute Kirchen besuche, betrachte ich dort auch ganz bewusst die Kreuzwegstationen. Denn genauso wie die sonstige Ausstattung, Architektur und Bemalung des Kirchenraums erzählen sie von der Haltung, vom Gebet und von den Vorlieben der Künstler und Betenden ihrer Zeit, in der sie entstanden sind.
Keine rein historische Nacherzählung
Die 14 Kreuzwegstationen, die in unseren Kirchen oder auch im Freien, oft auf dem Weg zu kleinen Kapellen, ausgestellt sind, sind kein museales Relikt oder simples Volksbrauchtum. Der Kreuzweg Jesu ist ein geistlicher Übungsweg, der uns mit hineinnehmen will in das Geschehen der letzten Lebenstage Jesu, von der Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz. Der Kreuzweg entstand im Mittelalter aus der Sehnsucht früher Pilger, in Jerusalem die letzten Schritte Jesu nachzugehen. Sie brachten die junge Tradition der 14 Gebets-Stationen aus dem Heiligen Land mit nach Hause nach Europa. Die Gebetsform des Kreuzwegs, Kirchen und Stationen zu einem "Kalvarienberg" wurden über Jahrhunderte zum Ort für Tränen, Hoffnung und Gebet.
In der Tat ist der Kreuzweg eine Meditationsform, keine rein historische Nacherzählung – darum geht es nämlich nicht, sondern ums Beten und Mitfühlen mit Jesus und allen Menschen, die ungerecht verurteilt werden, leiden müssen und einsam und verlassen sind. Davon gibt es jede Menge, von damals bis heute. Deshalb lohnt es sich, dass ich mich in die ausweglose Situation Jesu hineindenke und verstehe, was es wirklich heißt, menschenseelenallein zu sein und voll und ganz auf Gott zu vertrauen.
Heute wirkt das Thema Kreuzweg genauso wie viele Kreuzweg-Darstellungen auf uns oft düster, schwer und fremd. Klar, in einer Welt der Selbstoptimierung und des ständigen Erfolgs passt ein geschlagener, stürzender Christus nicht recht ins Lebensgefühl. Leid und Schmerz sollen lieber schnell gelöst oder überdeckt werden. Das Kreuz stört die Ästhetik des Gelingens. Jesus am Kreuz erzählt gnadenlos vom Scheitern, da schauen manche lieber weg als mitfühlend zu ihm auf.
Insbesondere die Fastenzeit lädt uns dazu ein, das Leid nicht auszublenden.
Warum also heute noch den Kreuzweg beten? Weil wir uns im Hinschauen üben können und sollen. In den 14 Stationen Jesu begegnen wir unserem eigenen Leben:
- Wer kennt sie nicht, die Momente der Ungerechtigkeit?
- Die Lasten, die zu schwer drücken?
- Das schmerzhafte Stolpern und das Scheitern, nicht nur einmal?
- Aber auch: Die Erfahrung von Trost durch einen Menschen, der wie Veronika oder Simon einfach da ist und unser Kreuz, unsere Last mitträgt?
Der Kreuzweg erzählt nicht von "damals", von Jesu Kreuzweg vor 2000 Jahren. Er erzählt uns vom menschlichen Leid im Hier und Jetzt. Gerade in der Fastenzeit sind wir eingeladen, das Leid nicht auszublenden, weder das eigene noch das der Welt. In den Stationen des Kreuzwegs begegnen wir einem Gott, der nicht von oben herab zuschaut, sondern den Weg der Ohnmacht bis zur letzten Konsequenz mitgeht.
Der Tod ist nicht das Ende
Am Ende des Wegs ist der Kreuzweg kein Weg in die Verzweiflung. Er ist ein Weg hindurch. Als Christin weiß und hoffe ich: Jede Station steht bereits im unsichtbaren Licht von Ostern. Mein Glaube verdrängt den Schmerz nicht, er durchschreitet ihn in der Gewissheit: Ich gehe nicht in eine Sackgasse.
Das Schicksal des Holzschnitzers und seines ganzen Standes hat mich berührt. Es ist Tatsache, dass heute weniger geschnitzte Stationen verkauft werden. Vielleicht gibt es momentan auch genug davon und das heißt ja noch lange nicht, dass niemand mehr den Kreuzweg betet oder nicht mehr braucht.
Genauso wie der Blick auf Jesus am Kreuz schärft die Betrachtung des Kreuzwegs, egal ob als Relief oder Bild, geschnitzt, geformt, gemalt oder digital, den Blick für die "Gekreuzigten" unserer Zeit: die Einsamen, die Kranken, die Geflüchteten. Das Gebet an der Kirchenwand oder mit dem Bild vor uns will unser Handeln in der Welt verändern. Deshalb lohnt es sich, immer wieder zu betrachten und zu beten. Am Ende steht nicht der Tod am Kreuz, sondern das Leben.
Die Autorin
Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.