Sorry: Vom Vergeben und Verzeihen
Grafschaft - "Sorry": ein Wort, das wir viele Male am Tag sagen schreibt Schwester Gabriela Zinkl. Aber entschuldigen wir uns damit wirklich?
Veröffentlicht am 16.03.2026 –HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Wie oft am Tag sagen wir "Sorry", "Entschuldigung" oder "Tut mir leid"? Ich selbst sage es oft genug im Vorbeigehen, zwischen Tür und Angel, manchmal fast automatisch. Da ist man eben mal jemandem in der Warteschlange auf den Fuß getreten, hat eine Nachricht zu spät beantwortet, ein falsches Wort im Gespräch fallen lassen oder eine Mitschwester verletzt. Ein kurzes "Sorry", "Entschuldigung" und weiter geht's.
Was geschieht eigentlich in diesem Moment? Sind diese kleinen Wörter nur höfliche Floskeln und soziales Schmiermittel, damit der Alltag reibungslos läuft? Benutzen wir sie nicht oft genug deshalb, um schnell an unser Ziel zu kommen und weniger, um uns zu entschuldigen? Oder steckt viel mehr dahinter?
Sich entschuldigen – diese Worte allein verraten schon etwas. Wörtlich genommen bedeuten sie, jemanden von Schuld freizusprechen. Das heißt auch, dass wir das gar nicht selbst können. Ich kann meine eigene Schuld nicht einfach aufheben oder in Luft auflösen. Ich kann nur sagen: Es tut mir leid; ich sehe ein, dass ich etwas falsch gemacht habe. Ich bitte dich, mich von meiner Schuld, von meinem Fehler zu lösen. Vergebung beginnt also mit Ehrlichkeit, gegenüber mir selbst und dem anderen. Und diese Ehrlichkeit ist eine harte Sache, anstrengend im wahrsten Sinn des Wortes. Denn ich muss über meinen eigenen Schatten springen. Vergebung braucht von mir die Überwindung, meine eigene Schuld anzusehen und zu bekennen: Ja, da ist etwas schiefgelaufen. Da habe ich jemanden verletzt, übergangen oder enttäuscht und die Schuld darin liegt ganz allein bei mir selbst – jede Ausrede ist sinnlos. Sich genau das einzugestehen, fällt uns nicht leicht. Vielleicht liegt es daran, weil wir gelernt haben, stark zu sein und möglichst als Sieger aus dem Rennen hervorzugehen. Sicher liegt der schwierige Umgang mit unserer eigenen Schuld auch daran, dass wir Angst haben, unser Gesicht zu verlieren.
Auch in der Bibel ist Verzeihen ein Thema
Vergeben und Verzeihen werden in jedem Konfliktlösungskurs und Partnerseminar großgeschrieben und als wichtige Gesten hochgehalten. Tatsächlich spielen sie in einer ganz anderen Liga als unser schnelles "Sorry" im Alltag, wenn wir jemanden versehentlich angerempelt haben.
Während wir die Schuld gerne weit von uns schieben, sind die jahrtausendealten Bücher der Bibel erstaunlich realistisch, wenn es um menschliche Schuld geht. Schon am Anfang der großen biblischen Erzählungen aus der Zeit des Alten Testaments sehen wir: Menschen verfehlen sich, sie verletzen einander und sie laufen vor ihrer Verantwortung davon. Und doch erzählt die Bibel immer wieder davon, dass Gott einen anderen Weg eröffnet.
Selbst am Kreuz kennt Jesus Vergebung.
Besonders eindrücklich ist das im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der Sohn kehrt nach schwierigen Zeiten nach Hause zurück – mit leeren Händen und schwerem Herzen; er hat sein Erbe verspielt, sein Leben gegen die Wand gefahren. Als reumütiger Sohn hat er eine Entschuldigung vorbereitet. Doch noch bevor er sie ganz aussprechen kann, läuft sein Vater ihm entgegen und schließt ihn in die Arme. Die Vergebung kommt der Reue des Sohnes gewissermaßen zuvor. Das Gleichnis zeigt etwas vom großen Herzen Gottes: Gott wartet nicht darauf, dass wir perfekt werden. Er wartet darauf, dass wir den Mut haben, umzukehren.
Im Vaterunser, das wir Christen jeden Tag beten, wird diese Haltung zu einem täglichen Gebet: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Dieser Satz ist zugleich Bitte und Herausforderung. Wir bitten Gott um Vergebung – und versprechen im selben Atemzug, selbst zu vergeben. Beides gehört zusammen, denn Schuld bindet: Die Schuld bindet. Sie hängt zwischen uns Menschen wie eine unsichtbare Last. Manchmal bleibt sie jahrelang unausgesprochen im Raum, als verletzendes Wort, als uralter Streit, als eine Enttäuschung, die nie wirklich heilen durfte.
Vergebung dagegen löst etwas zwischen uns Menschen und in uns selbst. Vergebung öffnet einen Raum, in dem wieder Leben möglich wird. Das bedeutet nicht, dass alles sofort vergessen ist. Vergebung ist kein magischer Radiergummi für die Vergangenheit, aber sie markiert etwas Entscheidendes: Die Schuld soll nicht das letzte Wort haben.
Wenn der Stein vom Herzen fällt
Jede und jeder von uns kennt das befreiende Gefühl, wenn ein Konflikt endlich ausgesprochen ist. Wenn jemand sagt "Es tut mir leid" und der andere antwortet "Ich vergebe dir." In diesem Moment wird etwas leicht, als würde jemand ein Fenster öffnen. Vielleicht auch deshalb spricht man oft genug von der "Schwere der Schuld".
Die Schuld beseitigen, den Stein aus dem Weg räumen – genau das meint christliche Hoffnung. Jesus selbst lebt uns Vergebung radikal vor, sogar am Kreuz, als er betet: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Vergebung ist deshalb nicht nur eine moralische Pflicht. Sie ist ein Weg in die Freiheit. Und wir sollen sie nicht nur einmal oder ab und zu praktizieren, sondern am besten zu jeder Zeit: "siebzigmal siebenmal", sagt Jesus auf die Frage des Petrus, wie oft man seinem Bruder vergeben soll (Mt 18,22).
Ja, in der Tat, Vergebung fällt uns schwer, Vergebung macht viel Mühe – jeder von uns kennt das sehr gut aus eigener Erfahrung. Vergebung macht aber auch froh und frei, und es fällt uns ein Stein vom Herzen. Vielleicht ist genau das eine der schönsten Erfahrungen unseres Glaubens: zu entdecken, dass Vergebung nicht nur notwendig ist, sondern ein Geschenk. Das Schönste daran ist auf alle Fälle: Vergebung macht uns froh und frei.
Die Autorin
Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.