Daheim ist kein geografischer Ort

Vom Nachhausekommen und Zuhausesein

Grafschaft - "Trautes Heim, Glück allein": Wie froh können wir sein, wenn wir ein Zuhause haben, schreibt Schwester Gabriela Zinkl. Den Wert kennt auch die Bibel.

Veröffentlicht am 13.04.2026 – 

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Es gibt für mich Wörter, die ich besonders gerne mag. Wenn ich sie höre, lese oder sage, macht sich in mir ein wohliges, warmes Gefühl breit. Zu diesen Wörtern, von denen es übrigens nicht viele gibt, gehören solche wie "nach Hause kommen" oder "zuhause sein". Zuhause, daheim, nach Hause … Für mich hat das einen besonderen Klang und eine Tiefe, in der so viel mehr verborgen ist.

Was ist mein Zuhause? Wo bin ich zuhause? – Ich darf mich glücklich schätzen, dass ich zu denjenigen Menschen gehöre, die ein Zuhause, also ein Dach über dem Kopf haben. Einen Ort – in meinem Fall das Kloster oder auch mein Elternhaus –, an dem man immer wieder gerne zurückkehrt, willkommen ist und sich geborgen fühlt. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, schon gar nicht für alle Menschen – dabei müssen wir gar nicht einmal über unser Dorf hinausschauen.

Wir alle sind Meister darin, uns eigenes Nest aus Gewohnheiten, Pseudo-Tapeten und sozialen Kontakten zu bauen. Wir nennen eine Postleitzahl, Mailadresse oder Telefonnummer unser "Heim" und hoffen, dass die Mauern und sonstige Barrieren die existenzielle Kälte draußen halten. Man kann am eigenen, perfekt designten Esstisch sitzen, umgeben von vertrauten Gesichtern, und sich plötzlich wie ein Fremder im eigenen Leben fühlen. Dieses Phänomen entlarvt eine bittere, aber heilsame Wahrheit: Das wahre Zuhause ist kein geografischer Ort und kein architektonisches Gebilde. Es ist keine Immobilie, sondern eine über lange Zeit gewachsenes Gefühl der Vertrautheit und Sicherheit, bedingungslos.

Heimatlosigkeit

Zuhausesein und Nachhausekommen haben eine ganze Menge mit Heimat zu tun. "Trautes Heim, Glück allein", heißt ein Sprichwort. Das Heim ist das ältere Wort für Haus und Herberge und drückt sogar noch stark das "heimelige" Gefühl der Geborgenheit in solchen vier Wänden aus. Den Worten Haus, Heim und Heimat stehen sehr starke Kontrastbegriffe gegenüber: die der Obdach- und Heimatlosigkeit. Bei diesen Worten und beim Gedanken daran kann einem schon bang ums Herz werden. Wehe mir, dass mir so etwas passiert, und wehe denen, die kein Dach über dem Kopf und keine Zuflucht haben, und sei es nur für eine Nacht.

Heimatlos sein ist für viele von uns weit weg. Doch haben uns gerade die kriegerischen Ereignisse der letzten Jahre in so vielen Ländern vor Augen geführt, dass viele Menschen aus ihrer Heimat fliehen mussten und nur schwer ein neues Zuhause finden, einen Ort, wo sie angenommen sind und sich sicher fühlen können.

Bild: ©Canva (Symbolbild)

Zuhause müssen wir uns nicht verstellen.

Genau betrachtet liefert uns die Bibel jede Menge solcher Erzählungen und Beispiele. Dort geht es von Anfang an um Heimatlosigkeit, Vertriebenwerden – und der Suche nach Rückkehr. Die ersten Menschen fliegen in hohem Bogen aus dem Paradies und sind daran auch noch selbst schuld. Das ganze Alte Testament ist in weiten Teilen eine Erzählung vom Fortgehen aus der Heimat, Verlassen des Zuhauses und Neuaufbruch. Wer Gott folgt, bricht meistens erst einmal auf, so verlässt Abraham Ur und Israel verlässt Ägypten. Und dann geht sie erst los, die mühsame Reise und Suche nach einem neuen Zuhause, erst einmal hat man kein konkretes Ziel vor Augen. Das ist die reine biblische Provokation: Zuhause zu sein bedeutet dort nicht, sesshaft zu werden, sondern fest verwurzelt zu sein in der festen Zusage Gottes, die über den Ort hinausgeht.

"Herr, du warst unsere Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht", beten wir mit den Psalmen (Ps 90,1).

Hier wird Gott selbst zum Raum, in dem wir wohnen. Wenn man das begreift, verliert man die Angst vor der Obdachlosigkeit der Welt.

So betrachtet ist das Neue Testament viel mehr gefüllt mit Berichten über das Heimkommen und Erreichen eines Zielortes. Nirgends wird die Wucht des "Nach-Hause-Kommens" deutlicher als im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15). Oft konzentrieren wir uns auf die Schuld des Sohnes oder die Moral der Geschichte. Doch die radikalste Botschaft Jesu für dieses Gleichnis liegt in der Bewegung des Vaters. Der Sohn kehrt heim mit einem ausformulierten Vertrag oder Deal im Kopf: "Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein, mach mich zu einem Tagelöhner." Er will sich ein neues Zuhause durch Leistung erkaufen, weil er das alte durch Schande verloren hat. Doch das Evangelium ist die Zertrümmerung jedes Deals.

Zuhause sind wir wir

Der Vater läuft dem Sohn entgegen. Der Vater läuft! – In einer Kultur des Orients, in der ein würdiger Älterer niemals rannte, bricht dieser Vater alle Regeln der Etikette. Er kommt dem Heimkehrenden entgegen, noch bevor dieser seine Entschuldigung stammeln kann. Das Zuhause, das der Sohn findet, ist kein Gerichtssaal, in dem die Bilanz geprüft wird, sondern eine Umarmung, die die Vergangenheit auslöscht. Das "Nach-Hause-Kommen" ist hier die radikale Erfahrung: Ich werde nicht empfangen, weil ich mich gebessert habe, sondern weil ich schlicht vermisst wurde.

Dieser und viele andere Worte Jesu zeigen uns den tiefen Sinn, den Gott uns schenkt: Zuhause zu sein bedeutet, die innere Erlaubnis zu haben, die Masken fallen zu lassen. Es ist der Ort der totalen Unverstelltheit. Wenn Jesus sagt: "In meines Vaters Hause gibt es viele Wohnungen" (Joh 14,2), dann ist das keine Bauanleitung für ein Fertighaus, sondern ein Beziehungsangebot für die Gegenwart. Er sagt damit: Es ist genug Platz für deine Brüche, für deine Zweifel und für deine ungestillte Sehnsucht.

Wir sind nicht unterwegs, um Gott zu finden. Wir sind unterwegs, weil wir von ihm gefunden wurden und er derjenige ist, der uns nach Hause führt – Schritt für Schritt, Atemzug um Atemzug. Das ist das wahre "Zuhause sein": dass wir uns mitten in der Fremde der Welt bereits unkündbar geborgen wissen. Damit fängt es an, das wahre Zuhause-Sein.

von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.