Warum wir Heilige brauchen – gerade heute
Grafschaft - Heilig – das klingt verstaubt, aber auch besonders. Schließlich kann jeder etwas nennen, das ihm heilig ist, schreibt Schwester Gabriela Zinkl. Aber sind wir nicht sogar selbst heilig? Unsere Vorbilder machen es vor.
Veröffentlicht am 03.11.2025 –HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Heilig, das ist ein kleines Wort mit Seltenheitswert. Es erinnert an verstaubte Heiligenfiguren und altmodische Heiligenbildchen in Omas altem Gotteslob. Heilig klingt besonders, aber auch altmodisch, und recht besehen, scheint es in unserem Alltag kaum etwas zu geben, das wirklich heilig ist.
Und doch kommen erstaunliche Antworten zutage, wenn man sich im Bekanntenkreis umhört, was unseren Mitmenschen heilig ist: "Meine Familie." "Die Zeit mit Freunden." "Ein Abend ohne Handy." "Am Sonntag lange ausschlafen und gemütlich frühstücken." "Die Natur, wenn sie still ist." Fast niemand nennt dabei spontan einen Heiligen. Und doch geht es um dasselbe Wort: heilig. Etwas, das uns wertvoll ist, das wir schützen, bewahren, nicht verraten wollen. Vielleicht ist das schon die erste Spur, um zu verstehen, was Heiligkeit bedeutet und warum wir sie brauchen.
Wie sieht das die Bibel?
In der Bibel ist "heilig" kein Adjektiv für besonders fromme Menschen, sondern ein Beziehungswort.
"Seid heilig, denn ich, euer Gott, bin heilig" (Lev 19,2).
Das meint: Lebt so, dass man an euch etwas von mir – also von Gottes Würde und Liebe – spüren kann. Heiligkeit ist also kein Zustand für einige wenige Auserwählte, sondern ein Prozess, der jeden und jede betreffen kann. Heilig werden und heilig sein beginnt dort, wo ein Mensch sich von der Liebe Gottes leiten lässt und eben nicht von Angst, Geltung, Machtstreben oder Gleichgültigkeit.
Wenn wir zum Fest Allerheiligen auf die vielen Namen schauen, die die Kirche uns überliefert hat, dann erinnern sie uns daran, dass Heiligkeit viele Gesichter hat. Es gibt die großen, bekannten Namen, wie Franz von Assisi, Teresa von Ávila, Maximilian Kolbe, Edith Stein, Carlo Acutis … Und es gibt die unzähligen Unbekannten, deren Namen nur Gott allein kennt. Sie alle sind Zeuginnen und Zeugen, dass der Glaube das Leben verändern kann. Nicht, weil sie über dem Alltagsleben standen, sondern weil sie genau darin, mittendrin, Gott suchten.
Heilige begenen uns nicht nur in der Bibel oder in Geschichtsbüchern – sondern überall.
Heilige waren nie perfekte Menschen. Sie waren widersprüchlich, zweifelnd, leidend und auch kämpfend – und gerade deshalb echt. Die Legenden und Biographien fast aller Heiligen sprechen davon Bände. Ihre Geschichten sind keine romantischen Märchen, sondern existenzielle Erzählungen. Teresa von Ávila (1515-1582) litt unter Krankheit und Überforderung. Benedikt von Nursia (480-547) zog sich zurück, weil er den Lärm und Ehrgeiz seiner Zeit nicht mehr aushielt. Charles de Foucauld (1858-1916) fand Gott erst, als er seine eigene Leere erkannte, und dann machte er sich auf, Gott im ganz normalen Alltag zu suchen. Heiligkeit entsteht nicht in der Abgeschiedenheit von der Welt, sondern in der Offenheit, sich von Gott verwandeln zu lassen, an dem Ort, an den er mich gesandt hat.
Wenn wir Allerheiligen feiern, feiern wir nicht nur die großen Gestalten der Kirchengeschichte, sondern die Ahnung, dass Heiligkeit möglich bleibt, auch in einer Welt voller Brüche und Umbrüche. So gesehen ist Heiligkeit kein fernes Ideal, sondern Gottes Handschrift im Gewöhnlichen. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Fest so still und zugleich so stark ist: Es öffnet den Blick dafür, dass Heiligkeit nicht aus der Welt verschwunden ist, sondern mitten unter uns geschieht, manchmal unbemerkt, manchmal in kleinen Gesten, manchmal einfach in Treue.
Heilige, die jeder kennt
Ja, es gibt sie, die Heiligen mitten unter uns. Papst Franziskus nennt sie "die Heiligen von nebenan": Menschen, die im Stillen Gutes tun, die niemand feiert, die aber Licht in ihre Umgebung bringen. Eine Krankenschwester, die sich mit Geduld einem schwierigen Patienten widmet. Ein Vater, der abends mit seinem Kind betet, obwohl er müde ist. Eine Jugendliche, die für eine Freundin betet, statt sie aufzugeben. Vielleicht ist das die Heiligkeit von heute: unscheinbar, aber echt. Keine Schlagzeilen, keine Denkmäler, aber Spuren von Liebe und Mitgefühl für die Mitmenschen und die Umwelt.
Ich mag diesen Gedanken: Jeder Mensch trägt in sich ein Stück Heiligkeit, auch wenn es oft verborgen bleibt. Vielleicht ist es das, was uns anzieht, wenn wir in alten Heiligenlegenden lesen oder in einer Kirche eine Kerze anzünden. Nicht die Fremdheit der Vergangenheit, sondern die Vertrautheit des Menschlichen. Und vielleicht beginnt Heiligkeit genau dort, wo wir im eigenen Leben entdecken, was uns wirklich heilig ist, und wo wir es wagen, danach zu leben.
Die Autorin
Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.