Gott ist schon unterwegs

Warten an der Bushaltestelle – wie auf den Advent

Grafschaft - Müssen wir warten – egal, ob an der Bushaltestelle oder auf einen Menschen –, steigt schleichend ein kleiner Groll in uns auf. Schwester Gabriela Zinkl lädt ein, gerade im Advent dieses Warten neu zu betrachten.

Veröffentlicht am 01.12.2025 – 

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Es gibt Orte, an denen die Zeit ein eigenes Tempo hat. So ein typischer Ort ist für die Bushaltestelle und überhaupt alle Orte und Momente, wo man warten muss. Beim Warten auf den Bus, auf die U-Bahn, auf die Mitschwester oder den, der einen abholen will, vergeht gefühlt ganz schön viel Zeit. Ein paar Minuten können sich dann dehnen wie Kaugummi, besonders wenn der Wind kalt um die Ecken pfeift und der Bus oder die betreffende Person gerade heute Verspätung hat. Ich ertappe mich, wie ich nervös auf die Uhr schaue und auf dem Handy das richtige Datum kontrolliere, ratlos umherblicke, und wie langsam einer kleiner Groll in mir aufsteigt. Wenn mehrere warten müssen, geschieht etwas zutiefst Menschliches, beinahe Spirituelles: Wir warten gemeinsam.

Der Advent lädt uns ein, genau dieses Warten neu zu betrachten. Nicht als lästige Unterbrechung, sondern als Raum, in dem Gott anklopft. Warten ist eine Schule der Aufmerksamkeit. Wer wartet, rechnet mit etwas oder jemandem. Und genau dieses innere Ausgerichtet-Sein ist der Grundton und die Ausgangssituation des Advents. Wir warten auf SEIN Kommen, und wissen doch nicht wirklich, wann genau Jesus kommen wird. Das klingt schon ziemlich verrückt und abgehoben.

Die Sache mit der Geduld

Zurück zum Warten an der Bushaltestelle, dort gibt es nämlich einiges zu entdecken: Menschen, die in letzter Sekunde angerannt kommen. Andere, die zu früh da sind und sich mit stoischer Ruhe auf die Bank setzen. Wieder andere, die ungeduldig hin- und hergehen, weil sie das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren. Alle sind unterwegs, einsam und gemeinsam, und alle müssen hinnehmen, dass der Bus nach seinem eigenen Fahrplan fährt. Das Warten an der Bushaltestelle ist wie ein kleines Gleichnis unseres Glaubens: Zwischen unserem Wunsch nach Kontrolle und Gottes freier, manchmal überraschender Ankunft liegt das Warten.

Ich muss gestehen, dass Geduld nicht meine stärkste Tugend als Ordensschwester ist. Und doch oder vielleicht gerade deshalb hat die Adventszeit jedes Jahr etwas Heilsames für mich. Sie erinnert mich daran, dass ich nicht alles beschleunigen muss. Dass meine Sehnsucht nicht kleinlich ist, sondern heilig. Dass Gott ein Liebhaber des langsamen, leisen Kommens ist. Wie das erste Licht der Adventskerze, das keine Dunkelheit spektakulär vertreibt, sondern nur sanft behauptet: Ich bin da.

Bild: ©Alexander - swtock.adobe.com

Der Advent ist die Zeit des Wartens – das fällt uns oft schwer.

Vielleicht ist das die spirituelle Herausforderung dieser ersten Adventswoche: nicht davonzulaufen, wenn uns das Warten unruhig macht. Nicht sofort Ablenkung zu suchen, wenn die innere Ungeduld aufsteigt. Sondern einmal innezuhalten und zu fragen: Worauf warte ich eigentlich? Auf wen?

Adventliches Warten ist kein passives Hocken auf der Bank. Es ist ein aktives Sichbereitmachen. So wie man an der Bushaltestelle das Ohr spitzt, weil man glaubt, aus der Ferne schon den Motor des Omnibusses zu hören. So wie man einen Schritt vortritt, wenn man in der Dämmerung das Licht der Scheinwerfer um die Kurve kommen vermutet. So wartet der Glaube: mit gespannter Hoffnung.

Wenn der Bus dann schließlich auftaucht, ist seine Ankunft immer ein kleines Geschenk, manchmal kommt es mir fast wie ein Wunder vor. Sofort ist sie dann da: die Erleichterung, der Stoßseufzer, die Ruhe und der Gedanke: alles wird gut, alles wird noch klappen, jetzt geht es voran.

Das Warten zulassen

Warten braucht Geduld, oft genug ist es nervenaufreibend und verunsichert uns, an der Bushaltestelle, vor dem wichtigen Termin, vor der Diagnose des Arztes. Die Ankunft und das Ergebnis sind für uns nicht berechenbar und nicht auf Knopfdruck. So ähnlich kommt Gott in unser Leben, nicht nur als kleines Kind zu Weihnachten, sondern im Grund jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick. Wir wissen nicht genau, wann. Und dann kommt er zu uns genau in dem Moment, in dem wir beinahe dachten, er käme heute nicht mehr.

Nicht umsonst ist der Advent die Zeit des Wartens. Lassen wir uns wieder darauf ein, das Warten zuzulassen, nicht nervös zu werden. Und uns still und leise darauf zu konzentrieren, dass Gott schon unterwegs zu uns ist und ganz sicher kommen wird. Hoffentlich sind wir dann für ihn bereit.

von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.