Challenge für die Fastenzeit

10 Tage ohne Jammern: Ein Selbstversuch

Grafschaft - Schwester Gabriela Zinkl ist ein positiver Mensch – eigentlich. Denn auch sie kommt manchmal nicht drumherum: Sie beginnt zu jammern und die Stimmung ist im Keller. Kürzlich sagte sie aber: Stopp! Es folgte eine Challenge.

Veröffentlicht am 17.03.2025 – 

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Eigentlich bin ich ein Mensch mit einer sehr positiven Lebenseinstellung. Eigentlich. Doch oft genug ertappe ich mich dabei, dass ich über etwas oder über jemanden jammere: das langsame Auto vor mir, mein Zuspätkommen zum Stundengebet in der Hauskapelle, die Schlange an der Supermarktkasse, dass die Parkscheibe im Auto verschwunden ist oder mir das Kleingeld für die Parkuhr fehlt. Und sowieso bieten die Umstände, die Gesamtsituation, das Wetter, die Gesundheit, die Regierung, die Politiker, die Chefin, der Kollege, die Mitschwester, der verspätete Zug und viele tausend Dinge mehr Grund genug zu jammern. Wenn das noch nicht reicht, produziert mein Gehirn Hirngespinste der Art, dass der oder die mir das und jenes eingebrockt haben oder dass jemand etwas nicht so gemacht hat, wie ich es gerne gehabt hätte. So gesehen wird unser ganzes Leben schnell zum Jammertal. Bis man sich versieht, ist das Leben schon gelaufen und war am Ende ein einziger großer Jammer.

Stopp. Darauf habe ich, ehrlich gesagt, keine Lust. Oft genug geht mir dieses Jammern, mein eigenes und das der anderen, nämlich richtig auf die Nerven. Es bringt ja nicht wirklich etwas und bringt mich und das Problem nicht voran. Für den Moment erleichtert Jammern vielleicht das Leben. Auf Dauer vermiest es aber ziemlich viel. Es lässt uns als armselige Jammerlappen zurück, die am Ende noch zynisch werden und verbittern. Sicher ist es wichtig, mal richtig Dampf abzulassen, wenn man sich über etwas geärgert hat, oder sich zu beklagen, wenn etwas richtig schmerzt. Wenn ich ehrlich bin, ist mein Jammern aber meistens Jammern auf hohem Niveau, verglichen mit den wirklichen Problemen in der Welt und um mich herum. Was kann man gegen sinnloses Gejammere tun? – Man könnte ja mal mit einer Auszeit vom Jammern anfangen. Jammer-Fasten in der Fastenzeit, warum eigentlich nicht?

Gesucht und gefunden: Jammer-Fasten oder eine Anti-Jammer-Challenge scheinen unter Achtsamkeits-Freaks seit einigen Jahren ein kleiner Hype zu sein. Bis vor Kurzem habe ich noch nie etwas davon gehört, doch die Idee ist mir sofort sympathisch.

Bild: ©Canva (Symbolbild)

Es ist gar nicht so leicht, sich nicht zum Jammern verleiten zu lassen – sondern positiv und entspannt in die Zukunft zu blicken.

Für eine festgesetzte Zeit vom Jammern zu fasten bedeutet, sich gezielt und bewusst mit dem eigenen Gejammere zurückzuhalten. Auch die Benedikts-Regel kennt die Problematik und gibt nicht umsonst die Anweisung an Brüder und Schwestern:

"Nicht murren." (RB 4,39)

Das möchte ich für mich persönlich zehn Tage lang ausprobieren. Wer will, kann sich dazu Anregungen selbst ernannter Anti-Jammer-Coaches im Netz holen oder von der Bibel inspirieren lassen:

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit. (…) Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz. (Kohelet 3,1-4)

Alles hat seine Zeit. Tag 1 des Jammern-Fastens beginnt für mich mit der Analyse, wann und wie oft ich in Gedanken und Worten jammere, allein oder mit anderen. Tatsächlich frisst das Jammern in meinem Alltag mehr Zeit als gedacht. Leider ist es oft genug willkommenes Gesprächsthema und gemeinschaftsstiftend, man hat ja schnell gemeinsam etwas zu bejammern, das eint und stärkt, zumindest auf den ersten Blick. Doch dieses Jammern macht andere, vor allem die, über die wir gerne in deren Abwesenheit jammern, nörgeln und lästern, zu Verlierern. Es ist leichter, über die Situation zu jammern, als sie zu ändern. Schlimmer noch, die eigentlichen Probleme werden dadurch nicht gelöst, das Gejammere bleibt und vergiftet die Atmosphäre.

Notizzettel helfen

Auch wenn ich mir im Laufe der Tage der vielen unnötigen Gelegenheiten des Jammerns und Beschwerens bewusst werde, es dauert eine Zeit, das komplett abzuschalten. Mir gelingt das so richtig erst am vierten Tag. Ein Smiley als Notizzettel hat mir dabei sehr geholfen.

Gegen Jammern und Murren gibt es ein wirksames Gegengift: das Danken. Das heißt nicht, alles mit einer Lobes- und Dankeshymne oder Sonnenschein-Wohlfühl-Soße zu übergießen. Viel mehr muss man sich anstrengen, unnötiges Gejammere sein zu lassen und zu überlegen, wie man die schwierige Situation ändern kann.

Meine Erkenntnis nach der Jammer-Challenge ist: Weniger jammern schadet nicht! Es ist ansteckend und überträgt sich von mir auf meine Umgebung. Die beste Erkenntnis daran ist am Ende: Es wäre jammerschade, zu viel Zeit vor Gottes Angesicht mit sinnlosem Jammern zu vergeuden. Denn diese Zeit kann man viel besser nutzen, um Sorgen und Probleme aus dem Weg zu räumen.

von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.

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