Der geflickte Ellenbogen: Von der Kunst, das Geliebte zu erhalten
Grafschaft - Kürzlich bemerkte Schwester Gabriela Zinkl einen Riss in der Kleidung – und das ausgerechnet in ihrer Lieblingsstrickjacke. Nun ist sie wieder ganz, mit einem Flicken. Warum fällt es uns so schwer, einen Makel zu akzeptieren?
Veröffentlicht am 17.11.2025 –HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Keine Frage, auch im Kloster hat man Lieblingskleidungsstücke. In meinem Fall ist es eine schwarze Strickjacke, leicht und doch wärmend, die ich allen anderen Jacken vorziehe. Vor einigen Wochen ist meine Lieblingsstrickjacke am Ellenbogen aufgerissen. Bis ich es überhaupt bemerkt habe, war der Riss schon zwei Zentimeter lang und das dünne Maschengewebe ringsum aufgescheuert. Ich war ziemlich ratlos: Ist mein gutes Stück noch zu retten? Irgendwie hing mein Herz an diesem schwarzen Jäckchen, über die Jahre war es für mich zum unentbehrlichen Begleiter in allen Lebenslagen geworden. Die Strickjacke war mehr als ein Kleidungsstück, denn sie trug für mich und mit mir Erinnerungen und Geschichten, vor allem umhüllte sie mich mit Wärme und Geborgenheit.
Ich bin keine geübte Stopferin, es reicht gerade mal für das Ausbessern kaputter Strümpfe. Doch Gott sei Dank habe ich Mitschwestern, die mit Nadel, Faden und Nähmaschine echte Meisterwerke vollbringen können. So zeigte ich einer Mitschwester meine eingerissene Jacke und fragte zaghaft, ob sich eine Reparatur lohnt. Mit geschultem Auge begutachtete sie den Kollateralschaden am Ellenbogen kritisch und antwortete mit einem Seufzer, dass sie etwas probieren werde. Von da an wuchs in mir die Hoffnung, dass sie das Leben meines Lieblingsstücks verlängern könnte.
Ausbessern ist out – und doch so in
Und siehe da, ein paar Tage später fand ich vor meiner Zimmertür eine Tüte, darin fein zusammengelegt meine schwarze Strickjacke, mit einer Reparaturnarbe am Ellenbogen. Das ursprüngliche Loch ist mit dem Flicken, den meine versierte Mitschwester dort angebracht hat, nicht unsichtbar geworden. Im Gegenteil, jetzt zieht sich ein leichtes, unregelmäßiges Oval aus dickerer Wolle über den rechten Ellenbogen und hebt sich vom zarten Gewebe der Umgebung deutlich ab. Der Makel bleibt sichtbar und beim Anziehen spürbar. Und doch ist die Jacke wieder heil, oder vielleicht heil auf eine andere Weise.
In einer Zeit, in der Kleidung billig und schnell austauschbar geworden ist, klingen Ausbessern und Flicken fast altmodisch. Bei uns im Kloster, wo wir Ordensfrauen uns im Geist des Evangeliums klar für Armut und gegen Verschwendung entschieden haben, versuchen wir aus Prinzip, vieles zu retten oder wiederzubeleben. Nicht allein, um zu sparen, sondern um die Sachen zu erhalten und zu bewahren. Dazu gehört ein sorgsames Umgehen, genauso wie das Ausbessern, Flicken und Reparieren von meiner Strickjacke, von Schuhen, einem eingerissenen Lampenschirm oder einem abgebrochenen Knopf an der Schublade. Flicken und Reparieren sind eine stille Gegenbewegung zur Wegwerfgesellschaft. Sie bedeuten: Ich bleibe einer Sache treu, auch wenn sie ihre Vollkommenheit verloren hat. Dazu passen auch die Wörter Nachhaltigkeit und Achtsamkeit. Dazu braucht es nicht unbedingt große Konzepte, sondern man kann schon mit kleinen Gesten viel erreichen, etwa mit einem Stück Wolle oder mit Sekundenkleber und grundsätzlich mit dem guten Willen, nicht alles gleich wegzuwerfen und zu ersetzen. Das gilt für Dinge genauso wie für Menschen.
Der Wollflicken an der Lieblingsstrickjacke von Schwester Gabriela.
Ein sorgsamer Umgang mit dem, das uns zur Verfügung steht und anvertraut ist, ist auch eine Übung in Treue. Gott, so erzählt die Bibel, wirft seine Schöpfung nicht fort, wenn sie reißt. Er flickt sie, und das ist oft nicht zu übersehen. Der Regenbogen nach der Sintflut ist so ein Flicken, ein Ersatzstück, denn er ist ein Zeichen, dass Zerstörung nicht das letzte Wort hat. Auch im Leben Jesu zeigt sich dieser göttliche Faden: Der Auferstandene trägt sichtbar noch die Wundmale. Sie sind nicht ausgelöscht, sondern verklärt. Auferstehung und Erlösung bedeuten also nicht, dass die Risse verschwinden, sondern dass sie verwandelt werden.
Zugegeben, mit dem Flicken an meiner Strickjacke musste ich mich erst anfreunden. Da sieht man es wieder: Warum fällt es uns so schwer, einen Makel zu akzeptieren? Vielleicht, weil wir gelernt haben, dass "heile Welt" nur dort ist, wo alles makellos scheint. Doch wenn wir ehrlich sind, erzählen gerade die Stellen, die geflickt und repariert wurden, am meisten. Sie haben eine Geschichte. Wenn ich jetzt den Flicken an meiner Strickjacke betrachte, dann sehe ich darin auch ein Stück Veränderung: Ich habe mich bemüht, etwas zu retten, weil es mir etwas bedeutet.
In der japanischen Kintsugi-Tradition werden zerbrochene Keramiken mit Goldstaub repariert. Dabei geht es nicht darum, das Zerbrochene zu verstecken, sondern es zu ehren. Der schmerzhafte Riss wird wichtiger Bestandteil der neuen Schönheit. So ähnlich geht es mir heute, wenn ich beim Anziehen der Jacke ab und zu den gestopften Ellenbogen sehe. Der sichtbare Wollflicken erinnert mich, mir selbst und anderen immer wieder eine zweite Chance zu geben und meiner Mitschwester und dem lieben Gott für ihre Geschicklichkeit von Herzen dankbar zu sein.
Die Autorin
Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag. Sie ist promovierte Theologin.